Schrift, Ritual und Kulturelles Gedächtnis
-    Das Alte China und Mesoamerika im Vergleich    -

 
   In einem Kulturvergleich zwischen dem Alten China und Mesoamerika werden Funktion und Bedeutung von Schrift und Ritual als komplementäre Träger des kulturellen Gedächtnisses erforscht. Unter dem kulturellen Gedächtnis wird nach Jan Assmann als Speicherort und Erinnerungsform verstanden, das einem Kollektiv oder einer Kultur Identität stiftet. Erinnert werden in ihnen die Urgeschichte und Geschichte, die auf eine absoluten Vergangenheit zurückgreifen. Dabei dienen Ritus und Text als Hauptmedien der zeitüberbrückenden Kommunikation, die von einer Gesellschaft durch Spezialisten gepflegt ist.
    In Anwendung dieser Theorie des kulturellen Gedächtnisses werden die Entwicklungsprozesse der Geschichte im China vom 16. Jahrhundert v. Chr. bis zum Ende der Han-Dynastie im 3. Jahrhundert n. Chr. und in Mesoamerika zwischen dem 3. und 16. Jahrhundert n. Chr. vergleichend untersucht. Trotz ähnlicher kultureller Ausgangsbedingungen und vermuteter transpazifischer Kontakte zeigen die beiden Regionen ganz andere Wertesysteme und entwickeln ihre Geschichte in unterschiedliche Richtungen. Während in China schon immer der Wille zur Zentralisierung zu erkennen ist, der die frühe Vereinigung zu einem großen Kaiserreich verursachte, blieb Mesoamerika ein zwar auf gemeinsamen Wurzeln beruhender jedoch heterogener Kulturraum, in dem die einzelnen Völker ihre Autonomie bewahrten. Parrallel dazu läßt sich der Unterschied beim Umgang mit dem Kulturwissen in den beiden Regionen beobachten. Führte die frühe Verschriftung der altertümlichen Riten und die Kanonisierung von Schrifttexten in China zu einem großen Traditionsstrom, der den Chinesen eine heute noch fortwährende kulturelle Identität verleiht, beruhte das kulturelle Wissen in den mesoamerikanischen Hochkulturen der Zapoteken, Maya, Mixteken, Azteken u. a. trotz umfangreichen Schrifttexten weiterhin auf Ritualen und mündlicher Überlieferung. Sind der unterschiedliche Umgang mit der Tradition und die unterschiedlichen Erinnerungsformen verantwortlich für die Diskrepanz der Geschichtsprozessen beider Regionen? Welche Korrelation besteht zwischen Erinnerung, kulturelle Identität und politische Macht in der Geschichtsentwicklung?
    Um Antworte zu diesen zentalen Fragen der Forschung zu finden, werden folgende Themen worwiegend in den interkulturellen Vergleich einbezogen:


    Die kulturrelativistischen Erkenntnisse aus dem Vergleich zwischen dem Alten China und Mesoamerika werden die Weiterentwicklung und Relativierung der von Assmann aufgestellten Theorie des kulturellen Gedächtnisses ermöglichen. In seiner Untersuchung der mediterranen Hochkulturen des Alten Ägypten, Griechenlands und Israels läßt sich eine evolutionistische Sichtweise von Entwicklungsstufen des kulturellen Gedächtnisses erkennen, indem er Schrift gegenüber Ritual als eine höhere Form der Speicherung und Erinnerung ansieht, und Kanonisierung als Voraussetzung der Stabilisierung des kulturellen Gedächtnisses betrachtet. Karl Jaspers These über den Beginn der kritischen Reflexion in der »Achsenzeit« fällt hier mit der Kanoniserung von Schrifttexten zusammen. Das Forschungsvorhaben des Tandem-Projektes hingegen legt aus Sicht der Kulturanthropologie den Schwerpunkt auf die Mechanismen von Schriftlichkeit und Mündlichkeit sowie auf die komplementären Funktion von Schrift und Ritual. Die empirischen Studien über beide Regionen werden zwei verschiedene Muster des kulturellen Gedächtnisses zeigen: im Fall des Alten China verlaufen alle von Assmann geschilderten Formen der Erinnerungskultur parallel zur Geschichtsentwicklung in einer evolutionistischen Abfolge, während sie in Mesoamerika demgegenüber oft gleichzeitig präsent waren und keine wesentliche Entwicklungsfolge bilden.

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